Youngtimer in Russland

Wenn man 2 Tage in Russland Auto fährt, kann man sich nicht erklären, wie es Youngtimer oder Oldtimer in diesem Land geben soll – als Germane ist einem sogar unverständlich, wie die Autos bei dem hiesigen Verkehr überhaupt auch  nur 3 oder 4 Jahre alt werden können.

Nicht nur, dass es ständig irgendwo kracht – und das teils in erheblichem Umfang – die Standard-Reaktion des Durchschnitts-Russen, ganz gleich welchen Alters, der in einen Unfall verwickelt ist: Erst mal weiterfahren. Alternativ: Aussteigen und jemanden verprügeln. Das kann man sich nicht vorstellen – und wir haben durchaus eine gewisse Ost-Europa Erfahrung….

Aber mal langsam: Russland – Was ist der Plan?

Russische Zielgruppenwerbung der social media Klasse für unseren Hyundai Solara. Ein übles Auto – aber eines mit Bodenfreiheit

Wir haben den coolen Auftrag, für ein sehr lässiges Magazin Bilder von Youngtimern im russischen Alltag zu machen – wenn Du so etwas vor hast, dann brauchst Du gute Freunde: Wir laden uns die Jungs vom Youngtimer-Blog ein und ihren polnischen Kumpel Zbigniew – das Budget gibt es her, was ja heute selten genug der Fall ist.

Aber Youngtimer in Russland? Das ist so richtig hartes Brot… Das letzte Mal, dass wir in Pulkowo gelandet sind, hätte das rund 5 Minuten gedauert: Da haben Dich die Youngtimer nämlich noch direkt am Flughafen abgeholt – die Ladas und Wolgas waren da einfach noch im normalen Alltagseinsatz.

Diese Zeiten sind rum. Heute fahren da noch Ladas hier und dort, die sehen aber aus wie Renaults. Der Taxifahrer bringt uns zum Mietwagenstützpunkt und das Spiel Russland beginnt, so wie wir es kennen. Reservierungen? Für 2 Autos? Nein – die liegen nicht vor. Zu dem Preis? Bestimmt ein Fake – irgend so ein Internet-Blödsinn – zu dem Preis vermietet keiner in Russland Autos, dummes Zeug! Erst, als unser Polnischer Begleiter auf Russisch wechselt, wirres Zeug droht, dann ankündigt zu gehen und die Polizei zu rufen, kommen wir zu unserem Recht – einigermaßen zumindest… Der Preis ist höher, und am Ende gibt es einen Hyundai Solaris und einen Kia Rio als Limousine – nicht ansatzweise die Ladas, die wir gemietet hatten – einer sollte ein Niva sein. Betrug – aber das gehört hier immer noch zum guten Ton.

Beide Wagen sind jedenfalls passabel für die russische Strassen – die üblichen Stufenhecklimousinen der Golf-Klasse und leicht darunter, eng, schlecht gefedert, aber erhöhte Bodenfreiheit – und die brauchst Du hier. Nach kaum 50 Kilometern erwischt uns das erste Schlagloch so heftig, dass der Spoiler des Kia vorne einen erheblichen Kratzer davon trägt. Das wird Ärger geben, ist hier aber schlicht unvermeidlich.

Die ehemalige UDSSR – Wildes Land

Bei manchen Wagen, die sich im Hinterland bewegen, wird dir nicht klar, was die eigentlich genau zusammenhält – und doch schaffen sie 40 Jahre und mehr – Gnade geringer mechanischer Komplexität. In St. Petersburg sehen wir einen 2107er Lada mit 700.000 auf der Uhr – als Taxi

Die Idee ist, über Novgorod und Rschwe nach Moskau zu fahren – nicht gerade der direkte Weg, aber einer, auf dem wir alte Freunde treffen können und uns diverse Youngtimer erhoffen – etwas abseits der zentralen Route. Bei Tshcudowo verlassen wir die große Strasse und biegen auf die etwas kleineren ab – hier und da siehst Du jetzt tatsächlich hin und wieder einen Niva – und den klassischen Lada – allerdings nur selten in Zuständen, die Du wirklich fotografieren willst. Dafür treffen wir Mirko, ein alter Bekannter von Zbigniew. Mirko bezeichnet sich selbst als „alten Ossi“, spricht eine Art Klischee-Sächsisch, besitzt 2 Handys, die in unregelmäßigen Abständen wahlweise klingeln oder SMS empfangen. Sein wichtigstes ist ein 6310 „Geilste Gerät wo gibt, musst Du nie laden und die Russen können es nicht orten.“ Warum das wichtig ist, erfahren wir bald.

Mirko ist Rückholer. Von diesem Berufsbild hast Du noch nie gehört? Naja – darüber wird an Stammtischen tatsächlich nicht geredet und Versicherer leugnen oft sogar, dass sie noch mit Rückholern arbeiten – in der Realität sind sie im Deutschsprachigen Raum bei allen größeren Versicherungen immer noch totale Gegenwart, aber darüber spricht man nicht auf Parties.

The world is starbucked – auch hier

Im Moment arbeite Mirko parallel an rund 6-8 „Akten“ – das sind gestohlene Autos, die bei Versicherungen in Deutschland und Österreich und der Schweiz versichert waren – teure Autos. Für die Versicherung geht die Rechnung so: Du kannst dem Kunden innerhalb der ersten 13 Tage das Auto zurückgeben, wenn du es findest – und dafür ist Mirko da – denn: Den Schaden zu regulieren kostet beispielsweise 75.000 Franken – falls Mirko den Wagen findet, bekommt er die Hälfte, Spesen inklusive – ein guter Deal für beide Parteien.

Russen-Rückholer – eine Parallelwelt

„Es gibt Rückholer im Raum Moskau, die kleine Vorstandsgehälter beziehen. Die holen 3 S-Klassen, 3 A8 und 3 Siebner BMW heim und haben rund 400.000 auf der Hand. Aber,“ und er zieht seinen Pullover hoch und zeigt und eine Narbe, „die eigentliche Frage ist natürlich, wie lange Du überlebst… Ich bleib lieber hier im Norden – da ist es nicht ganz so krass und dir laufen dennoch genug geklaute Kisten vor die Flinte, vor allem Nachts. Und hier ist das alles nicht ganz so krass organisiert.
Ein 5er BMW oder ein Audi A6 bringen dir auch schon 20.000, wenn Du die Versicherung kennst. Lexus geht hier oben besser als in Moskau – und hier wird einfach nicht so viel geschossen.“

Don’t go there. Die Strassen in manchen Teilen Russlands sind schlicht und ergreifend gefährlich in einer Art und Weise, die man sich als Westeuropäer nicht vorstellen kann

„Vor ein paar Jahren hat die“ – er hält sich kurz zurück „Sagen wir ‚eine sehr sehr große Versicherung‚ hier mal einen krassen Fall gehabt. Da war ich an der Aufdeckung beteiligt und hab 200.000€ bekommen. Da haben die Diebe die Karren in Deutschland geklaut und direkt zu den Rückholern gebracht und halbe halbe gemacht. Abgefahren, oder?“

Wir bekommen ein Bild. Was Mirko so von Youngtimer weiß? Auf dem Land soll es die geben – und ein paar ganz abgefahrene kleine Cliquen haben die Pimp-Version des klassischen Fiat-124 Clone-Ladas zum Kult erhoben – aber eben mit Chrom-Felgen von gefühlten 30 Zoll und dicken Rädern und dicken Maschinen.

Welche Dicken Maschinen da rein gehen, interessiert uns, aber das weiss Mirko leider auch nur sehr ungenau – irgendwas von Opel, zumindest GM. Das hören wir in den folgenden Tagen immer mal wieder – angeblich passt ein großer Vierzylinder von Opel.

Richtung Moskau – wir ziehen weiter

So soll es hier mal ausgesehen haben – schwer zu glauben

Eine Fahrstunde weiter erwartet uns unser Nachtlager. Bizarr: Unterwegs sehen wir satte 3 große Crashs – einer davon muss kurz vorher passiert sein, zwei sehen wir live.

Und da willst Du nicht dabei sein. Einfach mal bei Youtube „Russian Dashcam“ eingeben und du bekommst ein Bild. Die langen geraden Schnellstrassen sind die legitime Nachfolge der Cowboy-Klischee-Prärie. Berühren sich zwei Autos ungeplant und oft heftig, dann entscheiden dicke Arme, Schimpfworte und Baseballschläger darüber, wer schuld ist – und das geht nur selten gut aus. Einer erzählt uns am Abend, dass das Neueste sei, erst mal den Fahrer aus dem Autos zu ziehen und seine Dashcam zu zerstören oder schlicht zu klauen und weiter zu fahren. Und das mit den Baseballschlägern ist wirklich ernst gemeint hier – die sind eine echte Standard-Ausrüstung.

Verkehrs-Rechtschutz könnte hier ein interessanter Markt sein – zumindest bei den Überlebenden dieser Szene – für die Versicherungen jedoch sicherlich kein profitables Geschäft…

Allzu viele echte Youngtimer sehen wir nicht – zumindest nicht solche, die es sich wirklich zu fotografieren lohnen würde. Am Ende haben wir hier und da einen Lada – kaum, dass Du mal einen gescheiten Wolga findest…

Bleibt der coolste

Dann stoßen wir unter bizarren Umständen auf Grigorij und Arkadij, die Олдтаймер bestens kennen – ein Wort für Youngtimer gibt es im Russischen, wie in so vielen Sprachen, nicht wirklich – jedoch kommt молодые классики dem wahrscheinlich noch am nächsten, soweit wir das nachvollziehen können. Wir brauche ein bisschen Geld, wie so oft in Russland, damit die beiden uns mitnehmen – aber dann bringen sie uns ins Hinterland der getuneten Lada 2104 und 2107 – die populärsten Tuning-Objekte dieses großen Landes. Pimp My Ride hat hier eine offensichtliche und feste Fangemeinde. Wenn Du einen Oldtimer hast, dann muss der dicke Räder haben und aufgemotzt sein – das ist so etwas wie die Rechtfertigung, die sozialistischen Autos noch zu fahren.

Alternativ geht auch der Samara oder korrekt Baltic, den man hier fast seltener findet, als man glauben würde – die frühen Modelle sind verstorben, die jüngeren Alltag. Arkadij erklärt und jedoch, dass der Samara „Nie ein gutes Auto war. Die Leute haben lieber den echten Lada gekauft – der war zwar auch schlecht, aber immerhin hatte jeder Ersatzteile für den“. Viele junge Leute fahren hier den Largus, stellen wir fest – der ist der jüngst verstorbene Dacia MCV, unverkennbar – und der scheint hier auf eine bizarre Weise hin zu passen. „Den Niva?“ erkundigen wir uns. „Na klar!“ Hier heißt der im Volksmund der „Viervierer,“ etwas frei übersetzt – und jeder weiss, was gemeint ist. Junge Leute finden den geil, weil Du überall hin kommst – blöd ist, dass der hier irre teuer ist. Russiche Regel für begehrenswerte Güter aus sozialistischen Zeiten „Gebraucht so teuer wie neu“ – tatsächlich nämlich wird der meist in den Export gegeben – der gemeine Russe bekommt weniger Nivas, als er brauchen könnte.

Realität

Die neuen Ladas? Finden hier in der Gegend alle blöd. „Die kaufen Frauen in Moskau“ im echten Russland, dem kalten Hinterland mit den gefährlichen Strassen, da kannst du die modernen Dinger, die eigentlich von Renault sind, nicht gebrauchen. Wichtigster Grund – und den können wir von unseren Mietwagen her nur bestätigen – die Wagen brauchen Bodenfreiheit, alles andere ist irrelevant bei den Schlaglöchern, die hier auch Schnellstrassen stolz und offen tragen.

Irres Land, irre groß, die netten Leute, die man trifft, sind dafür allerdings echt nett und gastfreundlich – aber ein wenig bedroht fühlst Du dich doch irgendwie, sobald Du dich einer Stadt näherst.
Ohne sprachlichen Support durch unseren neuen polnischen Freund hätten wir keine Youngtimer gefunden, sondern nur kaputte alte Ladas am Strassenrand, 40 Jahre alte Wolgas, die nur durch Magie zusammengehalten werden.

Wingardium левиоса!






3 Kommentare

  1. Ja so ganz stimmt das nicht. Einfach mal im Internet nachsehen. Gibt’s genug. Lege mir gerade einen 79er GAZ 24 zu. Sonst ganz netter Bericht. Übrigens Oldtimer Clubs gibt es hier auch ;-). Gruß. aus meiner östlichen Heimat Belarus.

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