Pseudomodernität des Ostens: FSO Polonez

1978, als FSO den Polonez launchte, da schmeckte der nach Zukunft. Ein Schrägheckmodell stand für Modernität, stand für Familien, stand für Laderaum. Und das war ganz bewusst so gewählt worden – im FSO steckte ein bisschen mehr Passat, denn faktisch hatte der FSO Polonez zwei wichtige Zielmärkte und Kundengruppen – einmal diejenigen, die ihn im Land kaufen sollten – aber gleichzeitig auch ein Haufen Deutsche, die den Polonez für ihre Verwandten in Polen erwerben konnten. Und denen, so hatte man im Vorfeld ermittelt, stand der Sinn eher nach Autos mit praktischem Gehalt und Nutzen als nach einem 3Box-Auto wie es der Fiat 125P war, der die technische Basis des FSO Polonez bildete.

Hinzu kam: Vom European Safety Vehicle Projekt hatte der Polonez Knautschzonen geerbt – und das machte ihn zumindest optisch zum sichersten Auto hinter dem eisernen Vorhang – und das mussten die West-Verwandten ja nun mal wirklich gut finden.

Polonez
Sachlich und modern….

Der 125er Fiat, den der Polonez bei der Gelegenheit eigentlich ablösen sollte, sollte jedoch, wie schon der legendäre 124er, das ewige Leben haben. Erst 1992 wurd die Produktion des 125P eingestellt – 24 Jahre, nachdem der 125P erschienen war… Unfassbar im Westen – Im Osten nicht unüblich.

Polnische Werbefotografie für die westliche Verwandtschaft zeigte Zukunft, Sicherheit und stand für modernes osteuropäisches Familienleben

Die Bauzeit sollte den Polonez nicht schocken – er schaffte offiziell 2 Monte mehr – im Anschluß gab es noch die sogenannte „Schattenproduktion“ für polnische Behörden, die erst im Juni 2004 final offiziell eingestellt wurde. Der Absatz des Wagens war bereits in den letzten 5 Jahren stark zurückgegangen – die Schattenproduktion war nichts anderes als die faktische Erfüllung sozialistischer Planwirtschaft.

Auch nicht hässlicher als andere Autos der Zeit – ein großer Designer hatte hier Hand angelegt. Von Außen hätte man vermutlich eher Frontantrieb erwartet – aber den gab die Plattform natürlich nicht her

Bis 2002 wurde der FSO Polonez mit einem Sack voll Facelifts am Leben erhalten, bis er am Ende zwar immer noch aussah wie ein Polonez, dabei aber auf eigentümliche Weise stets hässlicher geworden war, weniger stimmig. Das zumindest konnte man vom Original nicht sagen – immerhin hatte den auch Giugiaro gestyled – kann man mehr verlangen? Am Ende der Polonez-Laufzeit hatte der Wagen alle Moden der Zeit mitgemacht und war nun geprägt von Anbauten und Spoilern, die ganz schlimm nach Zubehörkatalog aussahen.

Interessant war, dass der Polonez, der wahrlich kein ausgewogenes, interessantes Auto war oder sich beeindruckend fuhr, tatsächlich eine handfeste Menge Freunde außerhalb des Ostblocks erobern konnte. Das vereinigte Königreich sowie Irland erwiesen sich als dankbare Abnehmer des billigen Wagens. Die Autozeitungen dort überschlugen sich zwar mit Kritik und Häme – aber auf der anderen Seite: Die einheimische Autoproduktion war zu der Zeit qualitativ derartig schlecht – warum sollte man da das doppelte bezahlen, um ein noch schlechteres britisches Auto zu fahren? Auch Lada und der Skoda 742 mit Heckmotor hatten eine feste Abnehmerschaft, speziell im Westen des Landes und den Midlands. Auch in den Niederlanden fand der Wagen Käufer.

Über die Jahre wurde mit diversen Motoren experimentiert – die heißesten katapultierten den Wagen auf über 200 KM/H – zu Beginn der 90er war das beileibe nicht selbstverständlich – die Masse der Fahrzeuge ließ es natürlich eher mit 160 bewenden.

Wer heute in Deutschland einen Polonez als Youngtimer haben möchte, der hat pauschal schlechte Karten. In Deutschland gibt es zwar sogar Fanclubs, aber einen Markt des Wagens gibt es nicht. In Polen ist der Wagen reichhaltig verfügbar, in den Niederlanden findet man sie noch, oft auch in guten Zuständen – aber Polen ist nicht nur von der Auswahl erste Wahl – die Fahrzeugs sind auch sehr bezahlbar. Es gibt gute Exemplare oft bereits schon um 1.000€ – da lohnt sich die Fahrt, zumal auch der Import rechtlich nicht mehr so schwierig ist wie früher. Und ein Hingucker ist der Wagen.

Bemerkenswert: Die wenigen Autos, die es in Deutschland gibt, versprechen echte Wertsteigerung – wer hätte das gedacht?



2 Kommentare

  1. Schöner Artikel über ein interessantes Auto, mit dem ich als Kind immer sehr gerne mitgefahren bin. Leider kein Wort über die tausend Sonderaurbauten. Pickup, Kombi, Krankenwagen, Leichenwagen mit 4 Türen und verlängertem Radstand. Gibt nix, was es nicht gibt!

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