Welches Auto war das letzte einfache Auto?

Zugegeben: Mein Opa fand, dass der Scirocco II kein einfaches Auto mehr war. Warum? Der hatte selbst nachstellende Bremsen. Ui ui ui sagst Du da heute – das haben wahrscheinliche Mountainbikes auch, falls die nicht längst ABS und ESP haben….

Natürlich sind Autos über die Jahre immer komplexer geworden. Warum?

  • Einmal waren wir es, die Kunden, die mehr Komplexität wollten. Wir wollten Radios in unseren Autos, dann wollten wir, dass die Auch Kassetten können, dann… etc
    Niemand soll sagen: Die Auto-Industrie hat uns gezwungen – wir hätten da alle noch „nein“ sagen können. Aber wir fanden Elektrische Fensterheber eben alle Komfortabel. Hätten wir uns elektrische Fensterheber ausgedacht?
  • Nein – hätten wir natürlich nicht – Der größte Treiber von Komplexität war die Autoindustrie selbst. Sie servierten uns unsere Wünsche in den langen Aufpreis-Listen, wie sie zuerst nur Mercedes hatte und dann irgendwann alle wesentliche Hersteller. Warum? Weil komplex wirkende Technik Margen bringt
  • Der dritte, ebenfalls nicht unerhebliche Treiber war der Gesetzgeber – Leuchtweitenregulierung und ähnliche Dinge hätte ja keiner gewollt und auch Knauschzonen und Crashtests wären vielen Leute bis heute wohl recht wurscht, von Abgasen mal gar nicht zu reden. Schenkelklopfer wie „Ich hab noch kein Ozon-Loch gesehen“ traut sich heute eben doch keiner mehr – und das ist auch gut so.

Bei all der komplexen Technik, die Einzug gehalten hat, haben sich die ganz wesentliche Konstruktionsmerkmale des Autos nicht geändert – das sind immer noch vier Räder, ein Lenkrad, Bremsen, ein Motor und Sitze. Autos sind auch nicht 3 Meter länger und 2 Meter breiter geworden, um all das Zeug unterzubringen. Und jeder der einen Keller hat, weiss, was das bedeutet: Du fängst an zu quetschen – und genau das hat die Auto-Industrie auch getan….

Wenn Du bei einem durchschnittlichen Kompaktwagen von heute die Batterie ausbauen willst, brauchst Du ein Youtube-Video, das dir erklärt, was Du alles zur Seite räumen musst – und vor allem in welchen Reihenfolge. Und wenn Du das geschafft hast und die neue Batterie drin ist, dann musst Du nicht nur alles wieder in einer entsprechenden Reihenfolge einbauen, sondern auch anschließen, Geheim-Passcodes von Radio, Navi und Alarmanlage neu konfigurieren, vorausgesetzt, Du hast die gerade zur Hand.

Mittlerweile verrät das Auslesen des Auto-Hauptspeichers vielleicht mehr über dich, als dein heimischer Computer…

Gibt es da überhaupt noch Ausnahmen?

Ja – es gibt sie, Definitions-abhängig natürlich. Mein Opa könnte nach seiner Definition schon lange kein Auto mehr kaufen, erst recht nicht, seit der Landrover Defender nicht mehr gebaut wird. Und seine kommende Neu-Auflage hätte nicht nur meinen Opa beleidigt.

Der Ford Fusion – erinnert sich noch einer an den? Das war ein simples Auto und dennoch irgendwie cool, weil er eben nicht ganz so nach Fiesta oder Golf aussah. Und technisch war der im Verhältnis zu seiner Zeit so profan wie ein Käfer, sehr zurückhalten, keine dekadenten Ausstattungen. Nichts an diesem Wagen war shiny, selbst Lederausstattung gab es nur auf sehr ausdrücklichen Wunsch.

Ähnliches kann man heute wirklich sonst nur noch von Lada und Dacia behaupten. Interessant: Beide gehören mittlerweile zum selben Konzern, was Renault zu etwas wie dem heimlichen Weltmarktführer bei einfachen Autos macht. Selbst die meisten Chinesischen Hersteller setzen spektakulärere, komplexere Technik mit höheren Wartungsaufwänden ein…

Autos sind stets komplizierter und komplexer geworden – das ist normal. Aber machen wir uns nichts vor: Jenseits von Dacia und Lada ist die Zeit von „Jetzt helfe ich mir selbst“ so vorbei wie noch nie in der Historie des Automobilbaus.

Aber wie bei Mobiltelefonen ist wohl gleichermaßen der Punkt gekommen, wo klar ist: Hier gibt es keinen Weg zurück, Nokia-Autos kommen nicht wieder.




2 Kommentare

  1. Sehr schöner Bericht

    Ich würde sagen, dass das letzte einfache Fahrzeug, der Ford Scorpio Mk 1 ist, bzw. mein Ford Scorpio 2.4 I CL, V 6, 5-Gang, Jg. 1989, den das Fahrzeug hat “NUR” manuelle Scheibenheber vorne und hinten und manuelle verstellbare Außenspiegel. Nur die nötigsten Kontrolllampen. Tourenzähler sucht man vergebens. Kontrolllampe für zu wenig Benzin im Tank, findet man nicht. Ebenfalls auch keine Kontrolllampe für Scheibenwaschanbehälterhat findet man nicht.

    Wenn’s jemand interessiert, hier wäre die ganze Geschichte.

    https://jpwuethrich.wordpress.com/2015/04/07/die-400-00-chf-limousine-ford-scorpio-mk-1-2-4-i-cl-jg-1989-noch-ab-mfk-tuv/

    Natürlich können der eine oder andere einen Kommentar hinterlsssen, das würde mich freuen.
    Gruss

  2. Keine Frage: Das letzte einfache Auto war der Mitsubishi Pajero V20 2.5 TD in Basisausstattung GL bis 2000.

    Wirbelkammer-Turbodiesel mit mechanischer Einspritzpumpe, kein Check-Engine-Licht, kein ABS/ESP/ASR, rein mechanische Allradzuschaltung per Hebel, keine Klima, keine elektr. Fenster, keine MFA. Die Dinger sind erst 18 Jahre alt, laufen aber auch ohne Strom. Anrollen lassen genügt, dann laufen die bis der Diesel alle ist. Das Ding kann jeder Landmaschinenmechaniker reparieren, Teile sind relativ günstig und gut zu bekommen.

    Ab 2002 kam die elektronische Einspritzpumpe auch beim 4D56, dann war´s vorbei mit elektronikfrei.

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